Neuanfang

Motorradfahren ist im Grunde gar nicht erlaubt. Nach Würdigung des ersten Paragrafen der Straßenverkehrsordnung könnte man die Fortbewegung mit einem motorisierten Zweirad als vermeidbar belästigend würdigen und hätte damit bereits die juristischen Angriffspunkte, die gegen diese Art der Fortbewegung sprechen. Nun gut, grau ist alle Theorie, die juristische insbesondre. Schließlich muss der Kradfahrer ja immer irgendwo hin: zur Eisdiele, uff Kleeche oder nach Moskau.

Aber ich greife vor. Neuanfang, was soll das bedeuten?

ad eins – Die Seite. Also die Internetseite. Also das hier, oder wie der Amerikaner sagt Siehmeiwebseid. Ein Internetauftritt, mein Blog, oder wie immer man es bezeichnen möchte. Gestartet wurde diese Seite dereinst als Wahlkampfinstrument, aber das ist eine andere Geschichte. Nun soll sie also neu gestartet werden. Selbstverständlich sollte eine Seite mit Leben, besser mit Worten, noch besser mit interessanten Texten gefüllt werden und genau das ist es, was ich vor habe. Eine Internetseite betreiben, auf der es immer wieder etwas Neues zu sehen, vor allem aber zu lesen gibt. Ich bin selbst gespannt, wie sich das entwickeln wird. Ob es eine Kopplung mit sozialen oder unsozialen Medien geben wird, ist noch nicht entschieden. Man wird sehen.

ad zwei – Das Motorrad. Nachdem sich meine langjährige Begleiterin mit dezentem Hinweis auf die gewünschte Altersruhe von mir verabschiedet hat (später mehr davon), ist seit Ende 2016 ein neues Fahrzeug in die Garage eingezogen. Es ist eine VFR 1200 FD. Das D steht für DCT. Das DCT steht für Dual Clutch Transmission. Kürzer gesagt hat sie eine Doppelkupplung und schaltet auf Wunsch automatisch. Mit Wolfgang Niedecken gesprochen: Sie kann zaubre. Wenn das kein Neuanfang ist!

ad drei – Der Mensch. Also ich. Freilich bin ich kein Neuanfang und ich fange auch nichts Neues an und nei-en, ich habe keine Midleifkreises aber das Neue hat einfach einen ungeheueren großen Reiz, bestimmt nicht nur für mich. Es gibt immer etwas Neues und das auf fast allen Gebieten des Lebens. Einige dieser Neuigkeitenerlebnissiewents sollen hier mal beleuchtet, mal durchleuchtet, oder auch mal im dunkeln vermunkelt werden.

Goldwing

Am letzten Freitag war es also soweit. Mit der Honda-Niederlassung in Leipzig war eine Probefahrt des Goldwing-Topmodells GL1800 mit DCT und Airbag terminiert. Zunächst erfolgte eine ausführliche Einweisung. Als absoluter Goldwing-Neuling ereilte mich erst einmal eine leichte Überforderung angesichts zahlreicher Bedienelemente, diverser Helferlein und mannigfaltigen Einstellmöglichkeiten wie automatische Blinkerrückstellung, Bluetooth-Kopplung, Fahrwerksmodi, Soundsystem, Sitzheitzung, Berganfahrhilfe, Tempomat, Rangierhilfe, elektrische Scheibenverstellung, Autostop und vielem anderen mehr.

Also los. Erstmal drauf auf das Monster – ging schon mal easy. Die im Vergleich zur VFR breitere Sitzbank macht sich allerdings nur im Stand bemerkbar. Sobald die Füße auf den Rasten stehen, ist alles, wie es sein soll. Die Sitzposition erinnert eher an Crosstourer als an Harley und es drängte sich alsbald die Lust nach einer etwas längeren Strecke für die Freitagsnachmittagsfeierabendtour auf. Vielleicht mal auf ein Eis an den Gardasee? Jetzt erstmal zum Völkerschlachtdenkmal zum kurzen Fotostop und zum Testen der Rangierhilfe. Das DCT-Modell verfügt über sieben Gänge und eben jener Hilfe, die das 383-Kilo-Teil wahlweise vorwärts oder rückwärts bewegt. Feine Sache, hätte ich durchaus auch gerne an der VFR und sie funktioniert auf Anhieb völlig problemlos. 

Goldwing vor dem Völkerschlachtdenkmal
Völkerschlachtschiff

Weiter ins Stadtgewühl Leipzigs. Klapphelm auf, Soundanlage an und im Tourmodus rüber über Straßenbahnschienen, Weichen, Flickstellen, Kanaldeckel und Kopfsteinpflaster. Das Fahrwerk meldet: Nichts. Gar nichts! Die althergebrachten Begriffe für das Fahrgefühl wie hart, komfortabel oder weich versagen. Und dabei habe ich noch gar nichts mittels Anpassungsmöglichkeiten justiert. Wäre nicht das lustige Gehüpfe der Doppelquerlenker-Vorderradaufhängung, deren Arbeit man deutlich vor dem Lenker sehen kann, hätte ich an meinen Empfindungen gezweifelt.

Trotz Feierabendverkehr kam ich alsbald in den Genussmodus und fuhr rhythmische Schlangenlinien. Das Gefährt wiegt gut hundert Kilo mehr als die VFR, fühlt sich aber mindestens genauso leichtfüßig an.

Nächster Tagesordnungspunkt: Autobahn. Das Erlebnis Auffahrtkurve rief schon wieder nach Gardasee. Die GL fällt nach kurzem Impuls von allein in die Kurve und lässt ahnen, dass da noch jede Menge Fahrspaßpotential schlummert. Vielleicht nicht gerade Haarnadelorgien, aber schön geschwungene Mittelgebirgskurven kann sie mit Sicherheit. Nun wurden noch ein wenig die Fahrmodi ausprobiert, wofür man natürlich viel mehr Zeit bräuchte. Vielleicht sollte ich doch schnell über den Brenner? Mit dem „TOUR“ genannten Modus ist man sicherlich für den größten Teil der Strecken gut bedient. Die Modi „ECON“ und „RAIN“ eignen sich zum lässigen Cruisen im 7. Gang, wobei sie sich vermutlich nur durch den unterschiedlichen Eingriff der Traktionskontrolle unterscheiden. Interessant ist „SPORT“. Im Grunde passt dieser Modus gar nicht zur Goldwing, aber wenn es eben mal losgehen muß, dann geht eben auch mal was los. Sollte dabei die Windschutzscheibe zu niedrig eingestellt sein, genügt ein Druck aufs Knöpfchen, und schon herrscht wieder Ruhe. Zum DCT sei noch angemerkt, daß die aktuelle Entwicklungsstufe die Gangwechsel nahezu unbemerkt vornimmt. Auch beim Runterschalten zum Anhalten ist das von der VFR gewohnte Geräusch nicht mehr zu vernehmen. Alles funktioniert einfach enorm geschmeidig.

Das äußerliche Erscheinungsbild des einstigen Dickschiffes hat sich übrigens stark verschlankt und erinnert mich eher an eine „PanEuropean“. Die traditionell nach hinten abfallende Linie ist allerdings noch vorhanden und die Beleuchtungselemente in LED-Technik machen hinten nach wie vor auf Automobil, ohne allerdings albern zu wirken und unterstreichen vorn den Willen nach vorn.

Fazit: Das Date mit der goldenen Schwinge beflügelt irgendwie die Lust auf eine längere Beziehung. Nicht das (gleich) eine Trennung von der „Dicken Berta“ anstehen würde, aber wer weiß… Auf dem deutschen Markt ist dieses Jahr sowieso keine mehr zu bekommen, aber vielleicht finden ja nächstes Jahr ein paar Exemplar den Weg in den Verleih. Dann wäre eine kurze Urlaubsliaison durchaus vorstellbar. Warum muss ich schon wieder an den Gardasee denken? 

Ein Jugendtraum geht in Erfüllung

Der zweite Teil der Geschichte um die VFR hängt mit einer ganz anderen Geschichte und mit einem ganz anderen Traum zusammen. Es dürfte im Sommer 1987 gewesen sein, als wir über einen durchgehend farbigen Bildband über Island gebeugt saßen und uns beim Betrachten der Bilder die weit aufgerissenen Augen beinahe austrockneten. Gin und Tonic spielten allerdings auch eine Rolle, warum wir am Morgen danach mit roten Labormausaugen aus der Wäsche kuckten. Mit zunehmendem Rausch hatten wir uns samt unserer Motorräder auf die Insel der Vulkane und Geysire geträumt. Es stand fest: Dort müssen wir hin! Natürlich war es eine Spinnerei. Uns war niemand bekannt, der jemals nach Island reisen durfte. Vielleicht die Fischer des Kombinates „Ostseefisch“, aber ob die dann in ihrer Freizeit mit Geländemotorrädern über die Insel heizen durften, durfte bezweifelt werden. Ob die überhaupt mal da anlegten- wer wusste es. Es ging dann allerdings alles viel schneller, als gedacht. Nachdem ich im April des Jahres 1989 die ungeliebte DDR verlassen durfte, um den 60. Geburtstag meiner Tante zu feiern und die Rückfahrkarte verfallen lassen hatte, war es im Sommer 1990 soweit. Für Island musste natürlich ein geländegängiges Motorrad her, allzu teuer durfte es auch nicht sein und so wurde es eine gebrauchte Kawasaki KLR 650. Die hat mich dann auf vielen Reisen treu begleitet, bis sie mir in den schönen wilden Zeiten in Leipzig, die Clemens Meyer so eindrucksvoll beschreibt (Lesetipp: „Als wir träumten“) vermutlich von Crash-Kids gestohlen wurde. Gefunden wurde sie später ausgebrannt und in einem derartig bedauernswürdigem Zustand, dass der Versicherungsmann am Telefon meinte: Tun sie sich den Anblick nicht an, wir lassen sie verschrotten und zahlen Ihnen den Restwert. Mit diesem bewaffnet betrat ich einen sehr großen Motorradhändler in Dresden, in der Absicht eines der Modelle mit dem blau-weißen Propeller aus dem Laden zu befreien und – da stand sie! Eine gebrauchte Honda VFR 750 F, RC 36/2 in silber mit roten Rädern. Der Vorbesitzer hatte ihr den Look einer Ducati Senna verpassen wollen, kam dann aber mit der Lenkerkröpfung nicht zurecht und hat sie nach 3000 Kilometern gegen eine Bieemmdabbelju eingetauscht. Das war’s dann. Ich konnte es nicht fassen! Eine VFR! Sie hatte sich seit dem ersten Modell etwas verändert, aber es war alles da! Die Keilform, der V4 und man hatte ihr eine wunderschöne Einarmschwinge verpasst. Mit ihrem Doppelscheinwerfer sah sie mich mit einem sexy Silberblick an und ich hörte sie geradezu, wie sie mich ansäuselte: „Nimm mich! Ich kann Dich glücklich machen.“ Hatte sie eine Augenbraue hochgezogen? Ich halluzinierte offenbar. Egal. Blöd war allerdings, dass ich seinerzeit nochmal angefangen hatte, zu studieren und an dem guten Stück noch die Zahl 14000 stand. Okay Deutsche Mark, aber die Versicherungssumme deckte gerade mal ein Drittel des Preises ab. Was soll’s, erstmal Probefahrt. Nach einer Stunde und 100 Kilometern durchs Osterzgebirge war die Entscheidung gefallen. Wir mussten ein Paar werden. Dieser seidenweiche Anzug der knapp 100 PS, den dieser Motor mit seinen vier im rechten Winkel versetzt und doppelt angeordneten Zylindern, produzierte und der in diesem prächtigen Kleid mit Reminiszenzen an Lamborghini und die NR steckte, verzückte mich vom ersten Moment an. Auch wenn ich seinerzeit noch stocksteif und quasi in Endurohaltung, ich war ja nichts anderes gewöhnt, auf dem Bock saß, war es diese erste Runde, die das VFR-Fieber, dass schon so lange in mir schlummerte zum Ausbruch brachte. Seitdem hat mich diese Sucht befallen, die den meisten VFR-Fahrern dieses Leuchten aufs Antlitz zaubert, wenn sie die säuselnde Stimme ihrer Maschine vernehmen: „Nimm mich! Ich kann Dich glücklich machen!“

Neulich an der Tankstelle

Ich muss es vorausschicken, ich habe so meine Probleme mit den Dresdenern. Damit geht’s schon los. Heißt es nun Dresdener oder Dresdner? Sei’s drum. Jede Stadt hat ja ihre lokale Mentalität. Dieses Lokalkolorit ist gar nicht schlimm, oft sogar liebenswert, manch Einer wird es auch leugnen, aber das ein Mensch, der sich als Dresdner bezeichnet anders wirkt als einer, der sich als „Balina“ (Berliner) bezeichnet, eine jeweils andere Wirkung auf den Beobachter entfaltet, ist wohl unstrittig. Hier soll es aber gar nicht um diesen unterschiedlichen Anstrich der Beteiligten gehen, erst recht nicht um Dialekte (mein vogtländisch klingt für Nichtkenner auch gewöhnungsbedürftig oder gar „sächsisch“). Zur Einordnung der folgenden kleinen Geschichte kann diese Vorbemerkung jedenfalls nicht schaden.

Ich komme also an eine Tankstelle im Raum Dresden. Mit dem Motorrad unterwegs, wollte ich mich meiner Regenjacke entledigen, tanken und ein Käffchen schlürfen. Also erstmal das Sprittfass der VFR aufgefüllt und dann zum Bezahlen und Getränk ordern rein an die Kasse. Bezahlt und dann bestellt: einen großen Kaffee hätte ich noch gerne. Wahrscheinlich weil der nach dem eigentlichen Bezahlen geordert wurde, ich wollte ihn aus irgendeinem Grunde nicht mit auf der Kreditkarte haben, rollte die Tankstellenfachkraft bereits mit den Augen und schmetterte mir im feinsten ortsüblichen Dialekt entgegen: „Zum Mitnäähm?“ Gut, ich war in meiner Kluft unschwer als Kradfahrer zu erkennen und bisher ist mir der Dosenhalter am Motorrad nur aus Wernercomics oder von den lustigen Kameraden der amerikanischen Schwermetallpiloten bekannt, aber derartiges Fachwissen hätte ich der Madam gar nicht zugetraut. Ganz so doof wie unhöflich war die Frage in diesem Fall nun doch nicht, ich wollte meinen Kaffee sowieso draußen trinken, ergo wollte ich ihn ja „mitnäähm“. Ich muß jedenfalls für einen Moment ratlos in die Botanik geglotzt haben, die Mitarbeiterin des Petrolkartells schob unmittelbar nach ihrer frageähnlichen Ruf tatsächlich eine Frage hinterher: „Asso im Bechor oder in dor Dasse?“ Das saß. Jetzt war ich wirklich hilflos. Was hatte das Gefäß für den Kaffee nun mit dem Ort seines Genusses zu tun? Offensichtlich gab es da einen Zusammenhang. Kurz dachte ich über die uralte Dienstvorschrift „Draußen nur Kännchen“ nach, aber die heute üblichen Heißgetränke, die ja eigentlich schon lange nicht mehr Kaffee heißen, sondern „Latten“, „Expressos“ oder „Kapp-Putsch-Inos“, werden nie und nimmer in so etwas lieblichem wie Kännchen ausgeschenkt. Ich stammelte ein hilflos geflüstertes: „Äh, Tasse, aber ich würde ihn mit raus nehmen.“ Die prompte Antwort: „Asso im Bechor!“. Etwas gefasster antwortete ich: „Ich hätte doch lieber eine Tasse. Ich bringe sie dann auch wieder herein.“ Verblüffende Antwort: „Nee dös mach mor nüsch.“ Ich, zaghaft: „Warum nicht?“ Nun kam souverän: „Porzellan gähm mor nüsch mit raus.“ Zack, stand der Pappbecher vor mir und ich ergab mich in mein Schicksal. In Sachsen, einem Land mit einer sehr wertvollen Kaffeetradition, gibt es den Muntermacher draußen nur noch „zum Mitnäähm“. Im Pappbecher. Jedenfalls an dieser Tankstelle. Wohl bekomm’s.

Probefahrt mit dem X-ADV…Dingen…Steins…Kirchen

In allen Testberichten, Meldungen und Videos zu Hondas „Markt-Lücken-Füller“ wird alles mögliche in Frage gestellt. Braucht’s das? Was ist das? Und so weiter und so fort. Diese und ähnlich geartete Fragen muss jeder für sich selbst beantworten.
Meine Meinung lautet: Tolles Gerät mit merkwürdigem Namen. Der, die, das Teil macht Spaß und ich denke, er, sie, es wird seine Käufer finden. Große Stückzahlen werden es aber eher nicht werden. Schade eigentlich. Vielleicht könnte ja ein kerniger Namen helfen? Also bitte Honda – gebt dem X-ADV-Ding einen richtigen Namen!
Auf der Straße fehlt mir persönlich ein wenig mehr Druck. Klar bin ich verwöhnt von der Dicken Berta (SC63), aber der „RollX“ wiegt eben auch seine 240 Kilo und die muss der NC-Motor halt erstmal über die Piste wuchten. Okay Leistung dürfte es immer ein Pfund mehr sein, aber wichtig ist ja auch, wie die sich entfaltet und hier kommen zwei Dinge ins Spiel: 68 Nm sind definitiv eine Ansage und den Rest erledigt dieses kongeniale DCT. Ich bin da ja nur die erste, leicht geliftete Generation gewöhnt, aber in diesem Geländeroller gibt es kein klackklackklock mehr, die Schaltvorgänge sind demnach kaum spürbar und irre schnell. Die Unterschiede der drei sportiven Stufen konnte ich nicht zweifelsfrei ausloten, dazu müsste ich mal etwas länger damit unterwegs sein. Fälschlicherweise ging ich davon aus, dass eine Traktionskontrolle an Bord ist – ist sie nicht. Folglich driftete das Hinterrad im Schmodder und auf losem Schotter wunderbar raus und hinterließ die entsprechenden Schmauchspuren im Gelände und ein Grinsen bis zu den Ohren unter meiner Purzelmütze. Dabei blieb die Fuhre übrigens stoisch auf Kurs, es kam also keinerlei erschröckliche Unruhe auf der Brücke auf. Das ABS funktioniert ebenfalls tadellos und meldete mit entsprechenden Hebelvibrationen an die Finger: „Ruhig Blut Brauner, ich hab das im Griff“. Schön wären für den Offroad-Einsatz noch die zusätzlichen Fußrasten, die da laut über den Apellplatz schmettern: „Stehen Sie bequem!“ Am Testmodell waren sie noch nicht montiert, wären für mich aber ein „must have“. Damit gäbe die Kiste dann auch ein noch beeindruckenderes Bild vor der Eisdiele ab. Mit den stollenreifenähnlichen Pneus auf X-typischen Speichenrädern und ordentlichen Schlammspritzern auf der Karosse dürften die anerkennenden Blicke der Ommas wortlos tröstend sagen: „Na der hat sich sein Schokoeis heute aber verdient!“
Die Windschutzscheibe hatte ich in die unterste Stufe gestellt, was bei meinen 1,77 völlig ausreichenden Schutz bot. Sehr gefallen hat mir der wertige zweifarbige Sitzbankbezug, der etwas an Alcantara erinnerte und guten Halt bot. Überhaupt finde ich die Optik witzig. Mit den zwei LED-Scheinwerfern und dem dazwischenliegenden Lufteinlass erinnert mich die Front ein wenig an Walt Disneys „Butch the Bulldogg“. Was mir nicht so gefallen hat, war die Einschränkung der Fußfreiheit auf der rechten Seite hinten und der kleine Öffnungswinkel der Sitzbank, deren Mechanik recht edel mit einem Teleskopdämpfer aufwartet, aber das ordentliche Gepäckfach eben nicht völlig frei gibt. Und weil ich gerade am Meckern bin: Warum müssen gefühlte 80 % der USD-Gabeln eigentlich vergüldet werden? Ich fand das schon immer zumindestens albern, aber es gibt doch unzählige Eloxalfarben. Warum nicht dem Design anpassen? Am dööfsten empfand ich allerdings das Aufsteigen auf die erwähnte schöne Bank. Mit montiertem Topcase, recht weit zum Fahrer positioniertem Lenker und ohne rollertypischem Durchstieg war das für mich eine Tortour. Diesmal hörte ich die virtuellen Großmütter von der Eisdiele rufen: „Jaja, es is halt nix, wenn man alt wird!“
Mäkelig veranlagte Zeitgenossen könnten jetzt anmerken, dass es mit dem Integra ja schon so einen MotorradRollerZwitter gibt, der im Grunde ja auch schon „nich billich“, aber nicht soo unanständig teuer wie dieser leicht auf Krawall gebürstete Geländehobel ist. Stimmt schon, aber zweiradeln ist eben auch Emotion und ich glaube nicht, dass ich mit dem feinen Integrastöffchen dermaßen im Frühbeet gewühlt hätte. Das macht doch Flecken!
Konklusion: Hat Spaß gemacht und ich könnte mir mich mit dem Gefährt in sehr vielen Situationen vorstellen: Auf dem Weg zur Arbeit, beim Brötchen holen am Wochenende, danach auf dem Erzgebirgskamm, im Urlaub auf der Sellaronda und am Gardasee und natürlich vor der Eisdiele. Genüsslich mit Schokoeis bekleckert!

Ein Jugendtraum

Die Motorpresse der Deutschen Demokratischen Republik war eigentlich nicht existent, denn sie kam in der Öffentlichkeit nicht vor. „Der Deutsche Straßenverkehr“ beispielsweise erschien in geringer Auflage und die Abonnements waren seit Jahren vergeben. Einige wenige Exemplare wechselten den Besitzer durch die Kioskfenster des staatlichen Postzeitungsvertriebes, insofern der geneigte Leser dem Zeitungshändler seines Vertrauens etwas entgegenzubringen hatte. Hier war weniger Vertrauen als vielmehr Mangelware höchst gefragt. Speziell in den heißen Sommertagen war Exportbier aus Radeberg beliebt, die Keramikfliese aus dem benachbarten böhmischen Bruderland wurde als Muster gereicht und Cenusil, eine silikonhaltige Dichtmasse wurde in grün-weißen Pappschachteln unter den Zeitungsstapeln durchgeschoben. Der Handel beinhaltete neben dem belanglosen nominalen EVP (Einzelhandelsvertriebspreis) noch das wesentlich bedeutendere Tauschgeschäft Mangelware gegen Bückware. Erstere hatte übrigens nichts mit der Glättung frisch gewaschener Bettwäsche zu tun, sondern war die übliche Bezeichnung von Produkten, deren Produktionszahlen aus verschiedensten Gründen einfach nicht für einen regulären Handel ausreichend waren. Es herrschte permanenter Mangel an diesen Dingen. Letztere Waren erhielten ihren Namen aus der Tatsache heraus, dass der Verkäufer sich bücken musste, um sie unter dem Ladentisch hervorzuholen.

Für die Freunde des motorisierten Zweirades hatte das freilich alles wenig Wert – eine Motorradzeitschrift war schlicht nicht im Handel. Allerdings gab es einen klitzekleinen Lichtblick: Die Zeitschrift „Jugend+Technik“ aus dem Verlag „Junge Welt“, der missliebigen „Freien Deutschen Jugend (FDJ)“, die offiziell als Kampfreserve der Partei bezeichnet wurde. Die Technikpostille war im Grunde unlesbar, da voll von Produktionserfolgen, Jugendprojekten und Artikeln über das Weltspitzenniveau der sozialistischen Produktion. Alles Käse, aber es ging uns Zweitaktpiloten damals ausschließlich um die Rückseite (!). Dort waren ab und an Motorräder aus „internationaler Produktion“ im Hochglanzdruck abgebildet. Die Bilder waren heiß begehrte Objekte, die zügig zur Dekoration des eigenen Kinderzimmers gerahmt und an die Wand gehängt wurden. Die realen Objekte waren so unerreichbar wie bis ins Detail bekannt. Kreidler, KTM, BMW R75 R, Benelli mit Sechszylinder-Reihenmotor, alles unerreichbare Träume. Aber eines Tages traf mich der Blitz! Die erste Honda VFR 750 F! Vierzylinder-90-Grad-V-Motor und eine Keilform, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Eine Linie zog sich auf weißem Perlmuttlack von der Keilverkleidung bis zum Höcker und vor dem Lenker spannte sich eine knappe Verkleidung. In goldenen Lettern stand „VFR“ auf der Verkleidung. Ich sehe das Motorrad heute noch vor mir. Es war um mich geschehen! Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im jetzt bereits zurückliegenden Jahrtausend war das, als es um mich geschehen war. Dieses Motorrad musste ich eines Tages haben. Ich ging noch zur Schule, es gab in Berlin eine Mauer und durch Deutschland einen unüberwindbaren Zaun. Zu kaufen gab es dieses Motorrad nicht für Geld und gute Worte im Osten Deutschlands. Aber ich musste es haben, egal wie, egal wann.